Ein Augen-Blick
von Pfarrerin Elisabeth Zeile

Ein heißer Sommertag! Am Abend gehe ich noch eine Runde durch Obstbaumwiesen um zum Klinikalltag ein wenig Distanz zu bekommen. Manche Begegnung und Situation dieses Tages klingen noch in mir nach. Die Bewegung an der jetzt angenehmen Luft tut mir gut. Die Augen freuen sich am Grün der Natur. An dem, was da auf den Wiesen noch spätsommerlich blüht. Die Birnen- und Apfelbäume hängen in diesem Jahr voll vieler, schwerer Früchte. Mancher Ast hat unter dem Gewicht seiner Früchte nachgegeben oder ist gebrochen. Die Stürme und Unwetter dieses Jahres haben sicher ihre Vorarbeit dazu geleistet. Und dann fällt mein Blick beim Weitergehen auf eine über und über mit zarten, lila gefärbten Blüten übersäte Wiese: ein Meer von Herbstzeitlosen. Ein Traum an zarter Schönheit! Und ich erschrecke: was? Ist es schon so weit? Der Sommer vorbei und der Herbst mit seiner Ernte, dem Zurückgehen der Kräfte und manch wehmütigem Abschied schon so nahe? Mit diesen Herbstzeitlosen, die so sehr in Form und Farbe den Krokussen ähneln, ist in mir aber auch die Erinnerung an das nächste Frühjahr schon gegenwärtig.

Ein Augen-Blick am Abend eines heißen Sommertages, der sich mir einprägt und nahe geht. In diesem Moment zeigt sich mir das Leben verdichtet. Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges fallen in diesem Augenblick zusammen. Die Fülle des Lebens berührt mich. Lässt mich etwas ahnen von der Heiligkeit des Lebens. Von dem Göttlichen, das hinter und in dem Alltäglichen da ist und wirkt. In Sinn kommen mir nun auch Begegnungen mit Patienten in der Klinik. Ein junger Leukämie-Patient erzählte, wie besonders und kostbar jener Moment für ihn war, als er nach längerer Zeit zum ersten Mal nach draußen durfte. Wie herrlich war es, den Wind auf der Haut zu spüren! Für ihn der pure Geschmack von Leben! Oder jener andere Patient, der in einer langwierigen Therapie vor mir saß. Auf meine Frage, wie er denn diesen langen Aufenthalt aushalten könne, wies er mit seinem Kopf nach draußen. „Sehen Sie doch diesen weiten, wunderbaren Blick auf die Schwäbische Alb! Er tut mir jeden Morgen unendlich gut und ich verknüpfe damit manch tolle Erinnerung. Ich kann diesen Blick wirklich genießen!“

Solche oder ähnliche Augen-Blicke stärken und tragen eine Hoffnungskraft in sich, die Kranke und Gesunde bereichern und mit dem Göttlichen in Berührung bringen. Solche Momente erfüllen mit Dankbarkeit und geben Kraft den nächsten notwendigen Schritt zu gehen.

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Pfarrerin
Elisabeth Zeile (evang.)