Gelingendes Leben?!
von Martin Günter
„Wissen Sie, ich möchte keine der Erfahrungen missen, die ich hier im Krankenhaus gemacht habe“ – diesen Satz sagte mir vor einiger Zeit ein Patient bei einem meiner Besuche. Ein erstaunlicher Satz, weil er von einem jungen Mann kurz vor seiner Entlassung geäußert wurde, der es im Krankenhaus nicht leicht gehabt hatte: längere Krankenhausaufenthalte, schwere Operationen, die bleibende Folgen für sein Leben haben werden ... Und dann dieser Satz, gesprochen von jemandem, der Ruhe, Besonnenheit und Gelassenheit ausstrahlte; keine Frage mehr nach dem Warum, keine Spur von Klage oder Bitterkeit, die es auf seinem Weg mit der Krankheit natürlich auch immer wieder gegeben hatte!
Die Begegnungen mit dem jungen Mann haben mich beeindruckt: Zum einen, weil es ihm im Lauf der Zeit gelungen ist, sich seinem schwierigen Weg zu stellen, sich mit ihm aktiv auseinanderzusetzen – und schließlich ihn anzunehmen, als Teil seines Lebens zu akzeptieren. Wie leicht lässt sich das jetzt beschreiben, aber wie schwer ist es, solches tatsächlich zu leben ... eine Aufgabe, die nie ganz abgeschlossen sein kann, die lebenslang bleiben wird.
Die Gespräche mit ihm haben mich angeregt, über mich selbst und über meine Erwartungen an das Leben nachzudenken. Natürlich wünsche auch ich mir Glück und Gelingen – wer wünschte sich das nicht?! Aber was bedeutet es eigentlich, glücklich zu sein, was ist damit gemeint, dass das Leben gelingt? Heißt das, einfach nur „Glück zu haben“, so dass ich möglichst von größeren Schwierigkeiten verschont bleibe? Bedeutet das, möglichst „glatt durch zu kommen“, so dass ich mich mit Krankheiten und anderen Lebenskrisen am besten erst gar nicht auseinandersetzen muss?
Die Erfahrungen meines eigenen Lebens und die Lebensgeschichten vieler Menschen, an denen ich als Seelsorger teilhaben darf, sagen mir anderes; denn die Idee leidlosen Glücks und der Wunsch problemlosen Gelingens sind eine Illusion. Wie schön und wie gut, wenn wir immer wieder solche „seligen“ Momente erfahren können – aber auf Dauer tragen sie nicht, auf lange Sicht können wir nicht ernsthaft mit ihnen rechnen. Schweres und Belastendes wird es immer wieder geben; warum sollte es auch immer nur „die anderen“ treffen, warum sollten Leiderfahrungen ausgerechnet mir erspart bleiben ...?
An dem jungen Mann ist mir klar geworden, wie tragfähigeres Glück aussehen kann, was tiefer gehendes Gelingen meint: wenn ich mit dem Belastenden und den Widrigkeiten meines Lebens umgehen lerne; wenn ich mich ihnen stellen und durch Prozesse des Aufbegehrens und Kämpfens hindurch schließlich mit ihnen leben kann; und wenn ich spüre, dass solche Lebenskrisen – so wenig ich sie mir natürlich wünsche – manchmal auch Chancen bergen, mich innerlich weiter zu bringen, mich wachsen und reifen zu lassen. „Seit ich hier bin, sehe ich vieles in meinem Leben mit anderen Augen“ – oft höre ich diesen Satz gerade von Patientinnen und Patienten, die schwere Zeiten durchmachen mussten; Wertmaßstäbe verändern sich, bisher Wichtiges tritt zurück und Manches als selbstverständlich Hingenommene wird wertvoll... und manchmal gelingt es sogar, die Weichen neu zu stellen und nicht nur körperlich und seelisch, sondern auch im Lebensalltag manches heil werden zu lassen.
Natürlich sollen Leiderfahrungen dadurch nicht verharmlost, beschönigt oder zu etwas Höherem emporgehoben werden; denn im Leid gibt es auch ein anderes Erleben: nicht selten wird die Last so groß, dass sie Menschen überfordert und nicht mehr getragen werden kann - dass sie Lebensprozesse erdrückt und zerstört… Deshalb ist das Gelingen im Umgang mit Leiderfahrungen für uns – bei allem Bemühen darum - nicht einfach „machbar“; bei allem, was wir selbst tun können, ist und bleibt das Umgehen-Lernen und Leben-Können mit Schwerem ein Geschenk! Das hat übrigens auch der junge Mann gespürt, der ganz bewusst seinen Weg nicht allein, sondern mit Gott gegangen ist: Ihn dürfen wir bitten, dass er uns jeden Tag neu die Kraft gebe, die wir auf unserem Lebensweg brauchen.
Wir werden eingetaucht
und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut.
Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht.
Es taugt die Bitte, dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe,
dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.
Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.
(Hilde Domin, Bitte)
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Pastoralreferent
Martin Günter (kath.)
