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… das nennen sie Herbst.
von Beatrix Schubert

„Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.“ Das Gedicht von Hilde Domin kommt mir in diesen Tagen wieder in den Sinn. Auch dieses Jahr: am Ende eines schönen Sommers färben sich die Blätter, und die Tage werden kürzer, Herbst.

Diese Zeit ist nicht einfach zu bestehen – sie erinnert daran, dass wieder ein Jahr vergeht, ein Jahr des Lebens. Wir denken an die großen und kleinen Abschiede im Leben, und es wird uns ein bisschen weh um Herz.

Das geht nicht nur alten Leuten so. In jeder Lebensphase gibt es Abschied. Der Spielkamerad meiner Tochter zieht in eine andere Stadt. Eine Liebe zerbricht. Mein Arbeitgeber erwartet von mir, dass ich in die neue Filiale nach Augsburg gehe. Eine Krankheit wird diagnostiziert, die mein Leben verändern, vielleicht verkürzen wird. Große und kleine Abschiede.

Die Dichterin sieht die Blätter. Sie schreibt aber nicht über die Blätter. Sie sieht unter den sterbenden Blättern etwas anderes: die Knospe, die die Blüte für das nächste Jahr über den Winter bewahrt – unter, hinter dem Sterben das neue Leben.

So ist das nämlich: wenn etwas zu Ende geht, beginnt etwas Neues. Das Alte nehme ich mit, in mir. Das ist wie mit den Bäumen: Ring um Ring legt sich aneinander, nichts geht verloren. Das klingt so glatt - ich weiß, dass es das nicht ist, dass dazu Schmerz und Trauer gehören.

Neulich fand ich eine Karte, auf der stand: „Wir können nichts über das Leben wissen. Außer: es geht weiter.“ Da ist was dran. Wirklich wissen können wir nur wenig. Aber wir sehen in der Natur und erleben in unserem Alltag, dass es weitergeht - immer, irgendwie, oft zum Guten.

Für Christen steht hinter dieser Wahrheit Gott. Gott ist der, der das Leben trägt und hält. Er ist es, der uns nicht allein lässt, wenn das Abschiednehmen weh tut, wenn die großen und kleinen Tode uns sprachlos machen. Er ist es, der dabei bleibt, wenn es allen anderen zum Davonlaufen ist. Und er ist es, der neue Wege weist. Das ist nichts, was wir beweisen können. Aber wir können darauf vertrauen, nicht nur, weil die Natur es uns vor Augen hält: Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.

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Pastoralreferentin
Beatrix Schubert (kath.)