Grabkreuz samt
Osternest
von Dieter Mattern
Im November Geborene leben im Schnitt sieben bis elf Monate länger als Menschen, die im Mai Geburtstag haben. Das wurde angeblich von Forschern festgestellt. Über die genauen Gründe hierzu wird freilich noch spekuliert. Andererseits war der graue November für viele Menschen schon immer ein schwieriger Monat. In früheren Zeiten hatten sie Angst vor Geistern und dem Jüngsten Gericht. Uns aufgeklärte Menschen dagegen beschäftigt heute eher die Erkenntnis, dass wir mit vielen Sinnfragen auf uns selber zurückgeworfen sind. Außerdem macht der Gedanke an die eigene Endlichkeit vielen noch ziemlich zu schaffen.
Mit Allerheiligen, Allerseelen, dem Volkstrauertag und dem Totensonntag ist der November inzwischen zu einem Monat des Totengedenkens geworden. Immerhin haben die vier Feiertage - passend zur tristen Jahreszeit - etwas mit dem Thema „Tod“ zu tun. Hinzu kommen noch der neunte November als Gedenktag an die Reichspogromnacht und alle Gräuel des Naziregimes sowie der Buss- und Bettag. Gedanken zu Krieg und Frieden, Schuld und Sterben, Zerfall und Vergänglichkeit liegen also in der Luft. Die eher triste Stimmung dieser Jahreszeit und in der Natur trägt das ihre dazu bei.
Desto erstaunlicher finde ich das hier abgebildete Herbstfoto: Mitten in einem Friedhof haben Vögel um Ostern herum ihr Nest ausgerechnet auf einem vom Zahn der Zeit gezeichneten Grabstein gebaut. Spätestens im Mai wurde dort vermutlich neues Leben ausgebrütet. Ein Grabkreuz samt „Osternest“. In der Zusammenschau von beidem sehe ich einen Hinweis auf das Geheimnis unseres Glaubens. Symbolisiert wird für mich darin Jesu stellvertretendes Leiden und Sterben sowie sein Sieg über die Macht des Todes. Gleichzeitig erinnert mich diese Kombination an unsere menschliche Vergänglichkeit und mein Hoffen auf eine Vollendung alles Geschaffenen.
Im Monat November wird mir beim darüber Nachdenken freilich klar: Es geht ja um mehr als nur um die Verlängerung unseres irdischen Lebens. Denn Lothar Zenetti schreibt: „Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt; was da steht, das wird fallen. Der Herr gibt und nimmt.“ Aber auch: „Wir sind mitten im Sterben zum Leben bestimmt; was da fällt, soll erstehen. Er gibt, wenn er nimmt.“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 682, 1+3 oder Katholisches Gotteslob Nr. 655, 1+3)
Sie möchten dem Autor eine Rückmeldung geben?
