Mein erster Sterbender
von Dr. Clemens Ruhnau
Es war das erste Mal! Noch nie hatte ich das Sterben eines Menschen aus nächster Nähe miterlebt. Und ich zehre bis heute von dieser Erfahrung:
Ich treffe Herrn K., als er gerade die Botschaft „unheilbarer Krebs“ erhalten hat: Nach menschlichem Ermessen werde er nicht mehr lange zu leben haben. „Nein! Nein! Nein!“, schreit er. „Warum denn ich? Ich bin doch noch so jung! Ich habe doch noch gar nicht richtig gelebt!“
40 Jahre jung ist Herr K., verheiratet, Vater von zwei halberwachsenen Töchtern. Über viele Jahre hinweg hat er sich mit großem Einsatz eine selbstständige berufliche Existenz erarbeitet und gerade eben erst die „Gewinnzone“ erreicht. Aus der Kirche ist er längst ausgetreten…
Im Laufe unserer Begegnungen erzählt er mir von seiner Jugendzeit in der Nähe eines Klosters am Niederrhein: von den Gottesdiensten, an denen er als Ministrant mitgewirkt hat; vom Weihrauch, an dessen Duft er sich lebhaft erinnert; von der klösterlichen Jugendgruppe, die ihm seinerzeit so viel bedeutet hat. „Was war das für eine Atmosphäre damals?“, frage ich ihn. „Da war was von Freiheit – irgendwie was tief Tragendes – irgendwie was Heiliges.“
Eine Atmosphäre von göttlicher Lebensqualität also, denke ich; sage ich.
Die Vergegenwärtigung dieser kostbaren Erfahrungen weckt in ihm den Wunsch, mit jener Wirklichkeit von „Freiheit – Tragendem – Heiligem“ erneut in lebendigen Kontakt zu kommen.
Er bricht auf: Er fängt an, wieder zu beten; eines Tages überrascht er mich mit dem Wunsch, wieder in die Kirche einzutreten; gelegentlich wünscht er sich die Krankenkommunion. Die letzte empfängt er einige Tage vor seinem Sterben – verbunden mit Worten aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben.“
All dies vollzieht sich mitten in einem zermürbenden Auf und Ab von immer wieder neu aufflackernder Hoffnung auf körperliche Besserung und Überleben – und immer wieder neuer Enttäuschung.
Ein letzter Chemotherapieversuch, den Herr K. sich gewünscht hatte, schwächt ihn vollends und zeigt ihm, dass es nun wirklich ans Sterben geht.
Während der letzten beiden Stunden seines Lebens bin ich bei ihm. Wir sind im Laufe der Wochen fast so etwas wie Freunde geworden.
Meist schläft er. Zwischendurch wacht er gelegentlich auf, und dann geschehen Dinge, die ich nie vergessen werde:
- Plötzlich schaut er mich intensiv an, ergreift meine Hand, lächelt und sagt: „Mit Dir kann ich gewinnen.“ – Einen Moment lang bin ich ganz irritiert – wegen des überraschenden „Du“ und weil er mich mit jemand zu verwechseln schien, der ihm in dieser Stunde den Sieg bringen könnte. Und so antworte ich: „Ja, sagt Jesus, mit mir kannst Du gewinnen.“ Da atmet er tief durch und schläft wieder ein. (Erst einige Zeit später habe ich begriffen, dass hier gar keine „Verwechslung“ passiert war: Wieder duzte mich überraschend ein Sterbender und fragte mich: „Wenn ich falle, >heebsch< mich dann?“. Da ging mir auf, dass Sterbende in mir gelegentlich mehr sehen als „nur“ den Seelsorger – nämlich den, den ich ja zu repräsentieren suche: den lebendigen Jesus – und darum habe ich dann schlicht geantwortet: „Ja, ich >heeb< Dich dann.“)
- Irgendwann murmelt Herr K. etwas vor sich hin, was ich als „Es ist fünf vor Zwölf.“ deute. „Sie meinen, es dauert nicht mehr lange?“, frage ich. Und er antwortet so, als hätte ich nicht gefragt, sondern festgestellt, dass es nicht mehr lange dauern werde: „Bravo! – Dann fehlt nur noch der Mörder...“
- Und plötzlich ruft er: „Da vorne!“ – als ob er den Sensenmann dort sähe. „Es macht Ihnen Angst.“, sage ich und er nickt. „Doch Sie sind beschützt! Der Herr ist Dein Hirte. Auch in der finsteren Schlucht ist er bei Dir!“ – Er nickt. Immer wieder nickt er. – „Sie nicken – heißt das, Sie sind einverstanden mit dem, was jetzt geschieht?“ „Ja!“, antwortet er deutlich.
- „Und dann?“, fragt er plötzlich. – „Sie werden empfangen!“ – „Dann ist es o.k.“
- Schließlich das letzte Wort vor seinen letzten Atemzügen. Herr K. schaut mir in die Augen und sagt: „Ich werde leben!“ Schnauft noch ein paar Mal und stirbt.
Eine seiner Töchter hatte auf der anderen Seite des Bettes alles mitverfolgt, sichtlich bewegt. Sie sorgte dafür, dass auf der Todesanzeige von Herrn K. stand: „Er starb mit den Worten ‚Ich werde leben!’“
Und ich staune bis zum heutigen Tag, was Gottes Geist in einem Menschen bewirken kann.
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