„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum
frischen Wasser.“
von Mathias Schmitz
Kaum ein Bibeltext kommt so häufig vor in meiner Arbeit im Krankenhaus wie der 23. Psalm. Was macht diese Worte so anrührend? Was ist an diesem uralten Text dran, dass er Menschen immer noch gut tut, auch heute noch?
Ein Grund dafür ist vielleicht, dass viele ihn seit ihren Kindertagen kennen. Er ist vertraut, auch wenn er nicht mehr im Wortlaut verfügbar ist. Vielleicht wurde er schon in der Grundschule gelernt und im Religionsheft mit viel Wiesengrün und Schäfchen und Hirtenhund verziert. Vielleicht hing aber auch das Bild vom Hirten und seiner Herde noch im Schlafzimmer der Großeltern überm mächtigen Ehebett.
Worte also, die bis in die Kindheit zurückreichen. Vertraute „Urworte“ also. Ein Bild aus vergangenen Tagen, das sich eingeprägt hat.
Eingeprägt hat sich mir, wie eine Patientin einmal erzählte, dass ihre Großmutter – wenn sie bei ihr als Kind im Sommer zu Besuch war – diesen Psalm jeden Abend mit ihr am Bett gebetet hat. Und die Stimme der Großmutter und ihr guter Geruch nach Veilchenseife und Apfelkuchen haben sich verbunden mit den Worten vom Hirten und seiner Herde – und nie sei sie sich behüteter vorgekommen beim Einschlafen als damals …
In wessen Händen liegt mein Leben? Wer bestimmt, was mit mir geschieht? Wer hat den Überblick, was mir jetzt gut tut, was mir hilft, was ich nötig brauche?
Eine Frage, die mir im Klinikalltag immer wieder begegnet – ausgesprochen oder unausgesprochen. In die Medizin zu vertrauen, in die Therapie, in die Selbstheilungskräfte unseres Körpers und in die Ärzte, ist das Eine. In den Gott unseres Lebens zu vertrauen ist das Andere.
Kann ich in dem, was ich hier in der Klinik erlebe – mit mir selbst und mit den Anderen – kann ich mich in dem allen in den Händen Gottes fühlen? Kann ich mich da hinein loslassen – und vertrauen, dass ich gut aufgehoben bin? Kann ich die Macht über mich und mein Ergehen Gott anvertrauen – wissend, dass er es gut mit mir meint, was immer mir geschieht?
Keine einfachen Fragen sind das. Schwer ist es oft, sehr schwer sogar, dieses Vertrauen zu finden. Zu viel steht ihm manchmal entgegen.
Doch vielleicht kann die Geschichte von der Großmutter, die am Abend das kleine Mädchen mit dem alten Psalm vom guten Hirten in den Schlaf betet – vielleicht kann diese Erfahrung eine Brücke werden zu diesem Vertrauen.
Am Übergang zur Nacht, da, wo die dunklen Gedanken und Alpträume drohend auf einen warten – da, wo man sich ins Dunkle und Unkontrollierbare hinein loslassen muss – da sitzt die alte Frau am Bett und spricht Worte von woanders her. Große Worte. Gute Worte. Worte, die sie mit ihrer Lebenserfahrung und mit ihrer Lebenskenntnis vielleicht nicht einmal unbedingt ganz abdecken kann. Und die doch da sind im Raum – und von einer größeren Erfahrung und einer tieferen Kenntnis sprechen:
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (Psalm 23, Die Bibel)
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Pfarrer Mathias Schmitz (evang.)
