Den kleinen Schritt willkommen heißen
von Gisela Schwager
Die kleinen Babyschühchen rühren an. Sie erinnern an die zarten Anfänge im Leben. Ja, wenn ein Baby heranwächst, größer wird, da bewundern wir jeden noch so kleinen Entwicklungsschritt: die Fähigkeit, das eigene Köpfchen zu halten, das erste Lächeln und das bewusste Reagieren auf das Gesicht vertrauter Menschen, das Drehen des eigenen Körpers … und irgendwann - nach unendlich vielen Fehlversuchen und Stürzen - die ersten eigenen Schritte. Mit viel Begeisterung werden sie von den Eltern begleitet. Die kleinen Menschenkinder selbst sind voller Stolz darüber, was sie schaffen. Die Freude am eigenen Körper und an seinen Fähigkeiten ist ihnen abzuspüren.
Je älter wir werden, um so mehr erwarten wir die großen Schritte, die besonderen Leistungen von uns und anderen. Die kleinen Schritte werden übersehen. Dabei machen sie jeden äußeren und inneren Anfang aus. Manchmal voller Angst, wackelig, unsicher, ein kleiner Schritt. Ob’s darum geht, nach einer Krankheit unter veränderten Bedingungen wieder den Weg zurück in den Alltag zu finden, mit Einschränkungen am Körper leben zu lernen oder sich mit dem Älter- und Müdewerden zu arrangieren, überall brauchen wir unsere ureigenen, kleinen Schritte und Gehversuche. Manche davon sind sichtbar, viele unsichtbar, kaum zu bemerken und doch sind sie wichtig.
„Den kleinen Schritt willkommen“ so heißt ein Gedicht von Sabine Nägeli. Darin lädt sie ein, die kleinen Veränderungen und Lebensversuche anzuerkennen, wertzuschätzen, eben willkommen zu heißen. Vielleicht fangen wir mit dem neuen Jahr 2012 an, mit seinen alten, neuen und etlichen unbekannten Herausforderungen. Wie wir alles bewältigen, ist offen. Doch Gott selbst ist es, der dazu immer wieder Mut zuspricht: „Sei getrost und unverzagt. Hab keine Angst, denn ich bin mit dir (aus Josua 1, 9)“. Auch darum will ich sie ansehen und wieder freudig begrüßen, die kleinen, wackeligen Schritte bei mir und anderen.
„Den kleinen Schritt
willkommen heißen,
dich nicht anklagen,
wenn der neue Weg
nur bruchstückhaft gelingt
und du zurückfällst
in die alte Spur.
Bejahen,
dass du zuweilen stehen bleiben
und neuen Atem schöpfen musst,
dass Mut verloren gehen kann
und langsam nur nachwächst.
Den kleinen Schritt
willkommen heißen,
dich messen
mit sanftem Maß.“
(Sabine Nägeli)
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Gisela Schwager (evang.)
