Alltag und Advent
von Ulrich Reinkowski
Das trifft ja nun fast jeden von uns: Die Zeit vor Weihnachten rennt schneller als einem lieb ist. Und immer direkt auf Weihnachten zu, das dann völlig überraschend auch schon wieder vorbei ist. Stoppt die Zeiger der Uhren! So könnte der verzweifelte Ruf im Advent klingen. Doch die Zeit der Uhren ist unerbittlich.
In der Klinik erlebe ich immer wieder zwei Arten von Zeit: die eigene, die schnelle, die ich mitbringe und die auch die anderen im Team mitbringen, Pflegende und Ärzte und dann die Zeit, die im Zimmer bei manchen Patienten zu finden ist: langsam, manchmal fast träge, wie ein langsam fließender Strom.
Wenn es gelingt mein Boot in den Strom dieser Zeit zu schieben und ein Stück mit zu fahren, dann ist die gemessene Zeit schnell herum. Aber meine Nachdenklichkeit - besser kann ich es nicht sagen- , wenn ich ein Zimmer verlasse, spricht eine eigene Sprache.
Es ist, als ob es zwei Welten gäbe: Wie auf dem Bild. Unten dickes Grün, oben der Schnee. Beide Welten existieren gemeinsam, diese alltägliche Welt und die andere, die besondere. Beide Zeiten existieren gemeinsam: Die schnelle und die langsame. Beides existiert gemeinsam: Der Alltag und die besondere Zeit des Advents und der Weihnachtszeit. Möchte ich ein Grenzgänger sein? Ich glaube ja.
Alles vergeht schnell! Aber durch Menschen, Orte und Zeiten, die langsam sind, möchte ich auch diese andere Zeit lernen.
Im Textheft der „Musik an der Stadtkirche“, Nürtingen vom 20.11.2011 habe ich einen Text von Martin Luther entdeckt:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.
Gute Advents-und Weihnachtszeit!
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Pastoralreferent
Ulrich Reinkowski (kath.)
