Foto: Egon Wieland

„Mein Ziegenböcklein“
von Brunhilde Leyener

„Mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt …“ (Lukas 15,29). Diesen Vorwurf erhebt der beständige, der zu Haus gebliebene, der brave Sohn gegen den Vater, der gerade angeordnet hatte, dass für den verlorenen Sohn ein Mastkalb geschlachtet und ein Fest gefeiert wird. Da kann man aber auch mal bockig werden! Immer hat er alles recht gemacht, hat versucht, seine Aufgaben gut zu erfüllen, womöglich sogar mehr als jeder andere. Und jetzt? Jetzt fühlt sich der gute Sohn ins Abseits gestellt, außen vor. Ist das gerecht?

Es gibt Zeiten, da fühle ich mich diesem Sohn sehr nahe. So viele Aufgaben, Pflichten sind zu erfüllen – aus allen Ecken lacht die Arbeit und die Verpflichtung mich an – und Muße? Fehlanzeige! In meinen Ohren werden Sätze laut, die ich gehört habe von Menschen, denen es wohl ähnlich ging: Mir wurde nichts geschenkt in meinem Leben - er hat immer nur gearbeitet - sie war immer für alle da, an sich hat sie nie gedacht. Kommt dann noch eine Erkrankung dazu, Schicksalsschläge, die Leid bringen, dann wird das Leben schnell als ungerecht verdammt. „Mir hast du nie einen Ziegenbock geschenkt“. Auch wenn niemand mehr heute mit diesen Worten klagen würde, der Vorwurf an den Vater, an Gott, der kommt dann schon.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn antwortet der Vater dem verärgerten Sohn: „du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.“ Ich höre aus diesen Worten auch eine Frage: Warum hast du dir nicht mal ein Ziegenböcklein genommen? Wer verlangt denn eigentlich, dass wir immer nur alle Pflichten und Aufgaben erledigen? Die Arbeit kann doch auch mal warten! Das Leben ist uns gegeben, um zu leben! Warum nicht mal den Stuhl rausstellen, um zwischendurch Sonne und Wind zu genießen? Mal sehen, was ich mir Gutes tun kann, um den Dank über das geschenkte Leben zu spüren: ein Spaziergang, ein Treffen mit Freunden, Abtauchen in ein packendes Buch ...

Und was ist Ihr "Ziegenböcklein"? In welcher Lebenssituation sie auch immer gerade sind: ich wünsche Ihnen Kraft, Mut und Fantasie, damit Sie sich Freiraum nehmen, um zu leben, um Ihr „Ziegenböcklein“ zu genießen.

 

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Pastoralreferentin
Brunhilde Leyener (kath.)