Fastenzeit - Wüstenzeit
von Friedemann Bresch
Fastenzeit – das ist ein wenig wie eine Wanderung durch die Wüste. Anstelle des blühenden Lebens umgibt uns trockener, karger Sand. Das Gehen kann sehr mühsam werden. Zudem gibt es keine bezeichneten Wege. Welche Richtung muss ich also einschlagen? Orientierung ist schwierig. Ich bin ganz auf mich selbst zurückgeworfen. Und auf Gott.
In der kirchlichen Tradition werden die großen Feste Weihnachten und Ostern durch Fastenzeiten vorbereitet. Sie erinnern daran, dass auch schwere Zeiten zum Leben gehören. Sie sind auch ein Stück Solidarität mit denen, die gerade auf der Schattenseite sind. Wer krank ist, wer auf Lebensqualität verzichten muss, fällt nicht einfach aus der Gesellschaft heraus. Wer gesund ist, wem es gut geht, sollte dafür dankbar sein. Selbstverständlich ist das nicht. Deshalb sollen die nicht vergessen sein, deren Weg gerade durch die Wüste geht, ohne dass sie sich das ausgesucht hätten. Beim Propheten Jesaja wird diese Solidarität so angemahnt: „Das ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast (…)! Gib frei, die du bedrückst (…)! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ (Jesaja 58,6.7)
Zeiten im Krankenhaus sind Wüstenzeiten. Man sucht sie sich nicht aus. Man wird sozusagen zum Fasten gezwungen. Fastenzeiten, Wüstenzeiten haben aber auch ihre Chancen. Plötzlich hat man Zeit. Kein Terminkalender drängt. Man wird durch nichts abgelenkt. Man muss weder einkaufen noch kochen, spülen oder putzen. Man kann die Gedanken laufen lassen, sich besinnen, dem nachspüren, was schon lang im Inneren rumort, Bücher lesen oder endlich einmal Briefe schreiben. Vor einiger Zeit sagte mir eine Patientin, sie nütze die Zeit, die ihr in der Klinik zur Verfügung steht, für sich selbst. So konnte sie ihren Klinikaufenthalt positiv sehen.
Sicher, sie konnte aufstehen und sich selbst versorgen. Insofern hatte sie es besser als viele andere. Dennoch: In Zeiten der Krankheit, in Wüstenzeiten kann man neue Erfahrungen machen. Manche Menschen gehen deshalb freiwillig für einige Zeit in die Wüste oder ziehen sich zum Fasten zurück. Vielen wird dann wieder deutlich, was im Leben zählt. Die kleinen Sorgen verschwinden. Man sieht wieder, welch ein großes Geschenk es ist zu leben und gesund zu sein. Man schätzt wieder neu die Menschen, die es gut mit uns meinen. Vielleicht findet man auch einen neuen Zugang zu Gott.
Fastenzeiten haben ein Ende. Nach Karfreitag kommt Ostern, nach der Nacht der neue Morgen. Auch das Leiden geht zu Ende. Es gibt ein neues Leben. Vor dem Tod und erst recht danach. Das sagt uns Ostern.
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Pfarrer
Friedemann Bresch (evang.)
